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Thérèse von Lisieux und die Stadtmission - Katechese

Kardinal Dr. Christoph Schönborn - Katechesen
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Ich, Kardinal Dr. Christoph Schönborn, begrüße sie und möchte sie einladen, meine Katechesen zu lesen.

Katechesen 2002/2003
7
. Jahresreihe - 7. Katechese, 06.04.2003

Thérèse von Lisieux und die Stadtmission

Am 14. Dezember 1927, ziemlich genau 30 Jahre nach ihrem Tod, hat Papst Pius XI. Thérèse von Lisieux zur Patronin der Missionen in der ganzen Welt ernannt. Thérèse wäre damals 54 Jahre alt gewesen, heute würden wir sagen kein Alter. Sie ist am 30. September 1897 mit 24 Jahren gestorben. Papst Pius XI., der sie zuerst selig- und dann zwei Jahre später heiliggesprochen hat, hat sie als den „Stern seines Pontifikats“ bezeichnet. Was hat ihn bewogen, diese Karmelitin, die mit 24 Jahren gestorben ist, die seit ihrem Eintritt nie aus ihrem Kloster herausgekommen ist, zusammen mit dem hl. Franz Xaver, dem großen Jesuitenmissionar, der den ganzen Orient durchreist hat, zur Patronin der Weltmission zu bestimmen? Eine Karmelitin und die Mission.
Heute möchte ich fragen: Was kann uns Thérèse über die Stadtmission sagen, über das, was das Innerste und Wichtigste bei der Mission ist? Der Heilige Vater hat sie am 19. Oktober 1997 zur Kirchenlehrerin ernannt, 100 Jahre nach ihrem Tod. Es gibt heute in Afrika, so sagte mir Weihbischof Guy Gaucher von Lisieux, über 40 Schwesternkongregationen, die Thérèse als ihre Gründerin, als ihre Patronin betrachten. Was hat Thérèse mit der Mission zu tun? Wenn wir an Paulus zurückdenken, in den letzten beiden Katechesen, was hat sie mit ihm gemeinsam? Was unterscheidet sie? Was hat sie uns Wesentliches über die Mission zu sagen? Ich möchte wieder in drei Schritten vorgehen, zuerst einen kurzen Blick auf ihr Leben werrfen, das ist den meisten bekannt, ich sage da wohl kaum etwas Neues, dann zweitens einige Schlüsseltexte vorstellen, sie wird heute vor allem selber zu Wort kommen, und schließlich die Frage: Was ist das Geheimnis ihrer missionarischen Wirksamkeit heute? Offensichtlich ist sie nach wie vor voll und ganz am Werk. Wir wollen um ihre Fürbitte, ihren Schutz für die Stadtmission auch bitten.
 

I.
Ihr Vater war Uhrmacher, die Mutter war Dentellière, sie hat Spitzen gemacht, wie das in der Normandie üblich ist. Beide wollten eigentlich ein gottgeweihtes Leben, ein eheloses Leben führen in der Ordenskonsekration an Gott, aber der Wille Gottes war offensichtlich ein anderer. Sie hatten neun Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter sind schon als Kinder gestorben. Thérèse war die jüngste, die neunte, am 2. Jänner 1873 geboren. Schon mit zwei Jahren sagt sie: „Je serai religieuse.“ Was hat sie sich darunter vorgestellt? „Ich werde Ordensschwester werden.“ Thérèse ist erst vier Jahre alt, als die Mutter stirbt. Dieser schwere Einschnitt in ihrem Leben hat wohl auch entscheidend dazu beigetragen, dass sie jahrelang unter allen möglichen Krankheitsphänomenen gelitten hat, besonders empfindsam war. Pauline, ihre ältere Schwester, tritt 1882 in den Karmel ein, und Thérèse sagt gleich: „Auch ich werde Karmelitin sein“, aber „pour Jésus seul“ – „für Jesus allein“. Ihre erste heilige Kommunion ist ein unvergesslicher, tiefer Moment der völligen Verbindung, der Verschmelzung, wie sie sogar sagt, mit Jesus. Ihre wohl auch psychosomatischen Krankheiten steigern sich, und sie ist in Lebensgefahr. Sie erlebt die Heilung durch das Lächeln der Muttergottesstatue in ihrem Zimmer, „La Vierge du Sourire“ – „die Jungfrau des Lächelns“. Maria hilft ihr. Es kommt zu dieser entscheidenden Gnade, von der ich noch sprechen werde, der Weihnachtsgnade 1886, in der sie von ihren Skrupeln, ihren Ängsten geheilt wird. Zu den ersten prägenden Erfahrungen gehört nach dieser Weihnachtsgnade die Geschichte mit Pranzini, dem mehrfachen Mörder, der zum Tod verurteilt war. Auch davon werde ich noch reden. Mit fünfzehn ist Thérèse schon ungeduldig, sie will Karmelitin werden und auf einer Wallfahrt nach Rom, die einen Monat lang dauert, wagt sie es, sich dem greisen Papst Leo XIII. zu Füßen zu werfen und ihn zu bestürmen, dass er ihr erlaubt, Karmelitin zu werden. Am 9. April 1888 tritt sie in den Karmel ein, und sie sagt: „um Seelen zu retten und um für die Priester zu beten“, über beides werden wir noch sprechen.

Alles ist in ihrem Leben auf Jesus zentriert. Es ist eigenartig, man kann ihre Schriften durchsehen, das kann man jetzt alles mit dem Computer machen, es gibt sie auf CD-ROM, man kann mit Knopfdruck sich auch alle Wortstatistiken ausgeben lassen. Der Name Jesu kommt etwa 1600mal vor, Christus ungefähr 20mal. Immer ist es Jesus. Er ist ihre einzige Liebe, „Jésus mon unique amour“ – „Jesus, meine einzige Liebe“. Wenn es einen Sinn in ihrem Leben gibt, das wird auch der ganze Sinn ihrer Mission sein, wir kommen dann vor allem im dritten Punkt darauf: „L’Aimer [Jésus] et Le faire aimer“ – „Ihn lieben und dazu arbeiten, dass die anderen ihn lieben“, dass möglichst viele Menschen Jesus lieben (Brief 220). Aber sie selber hat die ganz bescheidene Zielvorstellung, sie möchte Jesus so lieben, wie er noch nie geliebt worden ist, ganz bescheiden. Aber das gehört zu ihrem Weg, zu ihrem Leben. Sie spricht immer von „de désir infini“ – „unendlichem Verlangen“. Sie hat ein unendliches, durch nichts zu begrenzendes Verlangen, Jesus zu lieben. Freilich, ihr Leben ist ganz unscheinbar. Eine Schwester im Kloster sagte, als sie schon sehr krank war und man absehen konnte, dass sie bald sterben wird: Was wird man wohl im Nachruf über diese kleine Schwester schreiben können? Gibt es da überhaupt etwas zu berichten?
Etwas was die beiden letzten Jahre ihres Lebens besonders prägt, ist die Brieffreundschaft, ja die geistliche Freundschaft mit zwei Priestern, zwei Missionaren, einer in Afrika und einer in China, Abbé Bellière und P. Roulland. Sie hatte sich immer einen Bruder gewünscht, sie hatte nur die beiden kleinen, früh gestorbenen Brüder im Himmel, und ihre Eltern hatten sich gewünscht, dass einer ihrer Söhne Priester und Missionar wird. Sie sagt einmal: „Priester kann ich nicht werden, aber Missionar.“ Sie ist es geworden.

Sie stirbt am 30. September 1897 an Tuberkulose, die sie hingerafft hat. Die letzten Monate ihres Lebens lebt sie in einer, wie sie selber sagt, „dichten Finsternis“, einer unvorstellbaren Glaubensprüfung. Alles Spürbare Wahrnehmen der Nähe Gottes ist weg, sie geht durch eine tiefe Dunkelheit im bloßen, im nackten Glauben bis zum Schluss.

II.
Fragen wir jetzt nach diesem kurzen Überblick über dieses kurze Leben und dieses so dramatische Sterben: Was sind die Schlüssel ihrer missionarischen Tätigkeit? Ich möchte drei sehr bekannte Stellen herausgreifen, die in ihren autobiographischen Schriften im ersten Heft, wo sie von ihrer Zeit vor dem Ordenseintritt spricht, hinter einander stehen. Es sind drei Erlebnisse mit vierzehn Jahren. Thérèse ist höchst wach und intelligent, sie hat eine ganz schnelle und lebendige Auffassungsgabe und vielfältige Begabungen.

1. Die erste dieser entscheidenden Erfahrungen ist die „Weihnachtsgnade“. Ich darf sie einfach selber zu Wort kommen lassen: „Es war am 25. Dezember 1886, da mir die Gnade zuteil wurde, der Kindheit zu entwachsen, kurz, die Gnade meiner vollständigen Bekehrung. – Wir kamen von der Mitternachtsmesse heim, wo ich das Glück hatte, den starken und mächtigen Gott zu empfangen.“ – Das heißt die Kommunion zu empfangen. – „Als wir in den Buissonnets anlangten, freute ich mich darauf, meine Schuhe aus dem Kamin zu holen.“ – In Frankreich gab es damals keinen Christbaum, sondern man hat die Schuhe in den Kamin gestellt, da waren dann vom Christkind Geschenke drin. Sehr viel Platz hat es nicht in den Schuhen, es können nur kleine Freuden sein. – „Dieser alte Brauch hatte uns in unserer Kindheit soviel Freude bereitet, dass Céline damit fortfahren wollte, mich wie ein kleines Kind zu behandeln, da ich nun einmal die Jüngste der Familie war... Papa freute sich, mein Glück zu sehen und meine Jubelrufe zu hören bei jeder Überraschung, die ich aus den verzauberten Schuhen zog […] Aber Jesus wollte mir zeigen, dass ich mich von den Fehlern der Kindheit befreien sollte und entzog mir auch deren unschuldige Freuden; er ließ es zu, dass Papa, ermüdet von der Mitternachtsmesse, ärgerlich wurde, als er meine Schuhe im Kamin stehen sah, und Worte sagte, die mir das Herz durchbohrten: «Nun, gottlob ist es das letzte Jahr! ...» […] Céline, die meine Empfindsamkeit kannte und Tränen in meinen Augen schimmern sah, hätte am liebsten auch welche vergossen, [...] «Ach! Thérèse!» sagte sie, «geh nicht hinunter, es wäre zu schmerzlich für dich, jetzt gleich in deine Schuhe zu schauen.» Aber Thérèse war nicht mehr die gleiche. Jesus hatte ihr Herz umgewandelt! Ich drängte meine Tränen zurück und eilte die Treppe hinunter; mein Herzklopfen unterdrückend, nahm ich meine Schuhe, stellte sie vor Papa hin und zog fröhlich alle Gegenstände hervor, glücklich ausschauend wie eine Königin. Papa lachte, auch er war wieder fröhlich, und Céline glaubte zu träumen!... Zum Glück aber war es süße Wirklichkeit, die kleine Thérèse hatte ihre Seelenstärke wiedergefunden, die sie im Alter von viereinhalb Jahren verloren hatte, und die sie sich nunmehr für immer bewahren sollte!... In dieser lichtstrahlenden Nacht begann mein dritter Lebensabschnitt, der schönste von allen, der am reichsten mit himmlischen Gnaden erfüllte... In einem Augenblick hatte Jesus vollbracht was mir in zehnjähriger Anstrengung nicht gelungen war, er begnügte sich mit meinem guten Willen, an dem es mir nie fehlte.“ – Jetzt achten Sie auf ihre wunderbare Art, die Heilige Schrift in ihr Leben herein zu ziehen und aus dem Evangelium, aus der Heiligen Schrift ihr Leben zu deuten: „Wie die Apostel konnte ich ihm sagen: «Herr, ich habe die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen» (Lk 5,5). Noch barmherziger gegen mich als gegen seine Jünger nahm Jesus selbst das Netz, warf es aus und zog es gefüllt mit Fischen wieder ein...“ – Unglaublich gewagt, wie sie das Evangelium, diese Stelle: „Werft die Netze noch einmal aus!“ (Lk 5,4), das Motto, das Kardinal Groër für sein Bischofsamt genommen hatte: „Auf dein Wort hin“ (Lk 5,5) werfen die Apostel, wirft Petrus noch einmal das Netz aus. Hier sagt Thérèse: Jesus selber hat es ausgeworfen und gefüllt mit Fischen wieder eingeholt. Sie sagt weiter: „Er machte mich zum Seelenfischer.“ – Jesus sagt zu den Aposteln: „Von jetzt an werdet ihr Menschen fangen“ (Lk 5,10). – „Ich spürte ein großes Verlangen, an der Bekehrung der Sünder zu arbeiten, ein Verlangen, das ich vorher nicht so lebhaft empfunden hatte... Ja, ich fühlte die Liebe in mein Herz einziehen, das Bedürfnis, mich selbst zu vergessen, um Freude zu machen, und von da an war ich glücklich! ...“ (Selbstbiographische Schriften 95-97).

Das ist also die Gnade der Weihnacht, diese plötzliche, ihr Leben umkehrende Gnade, die sie mit vierzehn Jahren erfährt. Was ist diese Gnade? Sich selbst zu vergessen, um Freude zu machen, das heißt die Befreiung aus der Gefangenheit in die eigene Empfindsamkeit, in die Selbstbezogenheit, diese Überempfindlichkeit, unter der sie und ihre Geschwister so gelitten haben. Von jetzt an wird nichts mehr sie aufhalten. Sie wird sich nicht mehr bei sich selber aufhalten, sie wird nicht mehr auf ihre Schwächen schauen, im Gegenteil, ihre Schwächen werden Anlass, nicht bei sich selber hängen zu bleiben. Sie wird ganz fähig zur Zuwendung: „Ich fühlte die Liebe in mein Herz einziehen.“ Sie wird fähig zu dieser unglaublichen Zuwendung, Aufmerksamkeit, Wachheit, die ihr Leben von jetzt an bestimmt. Ihr Blick ist nicht mehr auf sich selber gerichtet, auf ihr Leid, ihre Schwächen, sondern auf Jesus. „Jésus, mon unique amour“ – „Jesus, meine einzige Liebe“, das ist jetzt ihre Lebensorientierung. Deshalb kann sie von sich selber sagen, in aller Bescheidenheit aber in der Bescheidenheit eines Wissens um die Gaben, die ihr geschenkt sind: Von jetzt an war ihr Leben „une course de géant“ – „der Lauf eines Riesen“, das ist ein Psalmwort, das sie hier gebraucht. Der Psalm sagt es von der Sonne, die wie ein Held über den Himmel zieht (Ps 19,6) – „une course de géant“. So sieht sie ihr eigenes Leben.

2. Dieses Freiwerden von sich selber und sich Zuwenden zu Christus, seiner Leidenschaft, seiner Liebe zu den Menschen, das ist das Geheimnis ihrer Missionskarriere. Das sieht man gleich in der zweiten Schlüsselerfahrung, die unmittelbar anschließt: „Als ich eines Sonntags die Photographie unseres Herrn am Kreuz betrachtete, ward ich betroffen vom Blute, das aus einer seiner Göttlichen Hände floss. Ich empfand tiefen Schmerz beim Gedanken, dass dies Blut zur Erde fiel, ohne dass jemand herzueilte, es aufzufangen. Ich beschloss, im Geiste meinen Standort am Fuße des Kreuzes zu nehmen, um den ihm entfließenden Göttlichen Tau aufzufangen, und begriff, dass ich ihn nachher über die Seelen ausgießen müsse... Der Schrei Jesu am Kreuz widerhallte ununterbrochen in meiner Seele: «Mich dürstet!» (Joh 19,28). Diese Worte entfachten in mir ein unbekanntes, heftiges Feuer... Ich wollte meinem Viel-Geliebten zu trinken geben und ich fühlte mich selbst vom Durst nach Seelen verzehrt...“ (Selbstbiographische Schriften 97).
Es ist wirklich ein erstaunlicher Text, machtvoll. Thérèse ist ganz wach geworden, ihr Herz kann mitleiden, sie sieht den Herrn am Kreuz. Sie sieht das Blut aus seinen Wunden. Aber es ist nicht nur Mitleid mit seinem physischen, körperlichen Leid, es ist die Erschütterung darüber, dass das für uns vergossene Blut so unbeachtet bleibt, dass, wie Franziskus sagt, die Liebe nicht geliebt wird. Dieser Schmerz trifft sie. Das ist das tiefste Mitleid mit dem Heilswillen Jesu. Warum wird Jesu Liebe nicht mehr angenommen? Da beschließt Thérèse, wieder unglaublich gewagt, sich beim Kreuz aufzuhalten, „de me tenir en esprit au pied de la Croix“ – „im Geist mich am Fuß des Kreuzes aufzuhalten“, dort meinen Platz zu finden, dort, wo Maria, Johannes und Maria von Magdala standen, aber nicht passiv, sondern aktiv, um das göttliche Blut aufzufangen. Mich fasziniert immer wieder an Thérèse dieses Gewagte, dieses unglaublich eigentlich alle ängstlichen Maße Sprengende: „Ich begriff, dass ich es nachher über die Seelen ausgießen müsse.“ Sie hat eine Heilsaufgabe. – Ich erwähne nur in Klammer, man müsste es sich näher anschauen, die erstaunliche Parallele zum so genannten dritten Geheimnis von Fatima, wo es eine ganz ähnliche Passage gibt. – Es ist eine direkte, mit Christus verbundene Mission, die schon damals im Grunde grenzenlos ist. Wenn Christus sein Blut für alle vergossen hat, so will Thérèse immer entschiedener das Heil aller, weil es Jesu Wille ist. Sie will deshalb Jesu Durst stillen, ihr Mitleid mit ihm wird zum Durst, an seinem Werk teilzunehmen. Ihr Durst wird sein Durst nach Seelen. Sie zeichnet dann ein kleines Bild, ein Kreuzesbild, auf das sie diese beiden Worte zusammen schreibt: „Mich dürstet“, Jesu Wort am Kreuz (Joh 19,28), und daneben das andere Wort, das Jesus zur Samariterin sagt: „Gib mir zu trinken“ (Joh 4,7). Sie deutet es in diesem Sinn.

„Seelen retten“, das hat man ein wenig belächelt, hat gesagt, das sei überholt, eine altmodische Sprechweise. Aber erinnern wir uns vielleicht an die erste Katechese: Was ist denn Mission? Ist das nicht zuerst eine Rettungsaktion? Erinnern wir uns daran, wie Jesus im Abendmahlssaal inständig gebetet, den Vater angefleht hat, dass keiner verloren gehe (Joh 17,15), von denen „die du mir gegeben hast“. So sagt Thérèse im Blick auf dieses Bild des Gekreuzigten: „Ich brannte vor Verlangen, die großen Sünder den ewigen Flammen zu entreißen.“

3. Die dritte Erfahrung geht genau in diese Richtung. Sie sagt selber gleich anschließend: „Um meinen Eifer anzuspornen, zeigte mir der Liebe Gott, dass ihm mein Verlangen wohlgefällig sei.“ – Dann kommt die Geschichte von Pranzini, die so bewegend ist, dass ich immer aufpassen muss, dass ich nicht zu weinen anfange. Man hat vor einigen Jahren in einem anatomischen Institut in Frankreich die Büste von diesem Pranzini wiedergefunden, dessen abgeschlagenes Haupt man studiert hat, weil man anatomisch sozusagen wissen wollte, wie kommt ein Mensch dazu, so ein schrecklicher Verbrecher zu sein. – „Ich hörte damals von einem großen Verbrecher, der wegen schrecklicher Verbrechen zum Tode verurteilt worden war, alles ließ vermuten, dass er unbußfertig sterben würde. Ich wollte ihn um jeden Preis daran hindern, der ewigen Verdammnis anheimzufallen.“ – Wieder dieser unglaubliche Wagemut der Thérèse! – „Um es dahin zu bringen, wandte ich alle erdenklichen Mittel an; wohl wissend, dass ich aus mir selber nichts vermochte, bot ich dem Lieben Gott alle unendlichen Verdienste Unseres Herrn an und die Schätze der Heiligen Kirche, schließlich bat ich Céline, eine Messe nach meiner Meinung lesen zu lassen […] Ich hätte gewünscht, dass alle Menschen sich mit mir vereinten, um die Gnade für den Schuldigen zu erflehen. Im Grunde meines Herzens fühlte ich mit Gewissheit, dass unser Verlangen erfüllt werden sollte.“ – Sie war sich dessen gewiss! – „Um mir jedoch Mut zu machen, im Gebet für die Sünder fortzufahren, sagte ich dem lieben Gott, ich sei ganz sicher, dass er dem unglücklichen Pranzini verzeihen werde, dass ich dies sogar glauben würde, wenn dieser nicht beichtete und kein Zeichen der Reue gäbe, so großes Vertrauen hatte ich in die unendliche Barmherzigkeit Jesu.“ – Das ist Thérèse, dieses unendliche Vertrauen in die unendliche Barmherzigkeit Jesu. – „Aber ich bäte ihn doch um «ein Zeichen» der Reue, einfach zu meinem Trost... Mein Gebet wurde wörtlich erhört. Trotz des Verbotes, das Papa für uns erlassen hatte, irgendeine Zeitung zu lesen, glaubte ich nicht ungehorsam zu sein, wenn ich die Stellen las, die von Pranzini handelten. Am Tage nach seiner Hinrichtung fällt mir die Zeitung «La Croix» in die Hand. Ich öffne sie hastig, und was sehe ich?... Ach! meine Tränen verrieten meine Bewegung, und ich musste mich verstecken... Pranzini hatte nicht gebeichtet, er hatte das Schafott bestiegen und wollte eben seinen Kopf in das grausige Loch, stecken, als er plötzlich, einer jähen Eingebung folgend, sich umwendet, das Kruzifix ergreift, das ihm der Priester hinhielt, und dreimal die heiligen Wunden küsst! ... Dann ging seine Seele hin, das erbarmende Urteil Dessen zu empfangen, der verkündet, im Himmel werde mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Ich hatte das erbetene «Zeichen», erhalten.“ – Und jetzt schauen Sie, wie Thérèse die Zeichen liest. – „Und Dieses Zeichen war das getreue Abbild von Gnaden, die Jesus mir gewährt hatte, um mich zum Gebet für die Sünder anzuspornen. War nicht angesichts, der Wunden Jesu, als ich sein Göttliches Blut fließen sah, der Durst nach Seelen in mein Herz eingedrungen? Ich wollte ihnen dies unbefleckte Blut zu trinken geben, das sie von ihren Makeln reinigen sollte, und die Lippen «meines ersten Kindes»“ – sie nennt Pranzini „mein erstes Kind“ – „hatten sich auf die heiligen Wundmale gedrückt!!! ... Welch unsäglich zarte Antwort! ... Oh! seit dieser einzigartigen Gnade wuchs meine Begierde, Seelen zu retten, jeden Tag, mir war, ich hörte Jesus zu mir sagen wie zur Samariterin: «Gib mir zu trinken!» Es war ein wahrer Tauschhandel der Liebe; den Seelen gab ich das Blut Jesu, und Jesus bot ich eben diese vom Göttlichen Tau erquickten Seelen an, so glaubte ich seinen Durst zu stillen, und je mehr ich ihm zu trinken gab, desto größer würde der Durst meiner armen kleinen Seele, und diesen brennenden Durst gab er mir als den köstlichsten Trank seiner Liebe...“ (Selbstbiographische Schriften 98-99).

Wir verstehen schon, dass Papst Johannes Paul II. sie zur Kirchenlehrerin ernannt hat. Das ist wirklich machtvolle Lehre. Ich glaube, man kann nicht umhin, die innere Kraft dieser Worte zu empfinden. Hier spricht Gottes Kraft und Geist: „mein erstes Kind“ – Ermutigung auf dem Weg der Fürbitte und des Vertrauens weiter zu gehen. Bald weitet sich die Perspektive aus, speziell für die Priester zu beten. Es war dann ihre Romreise, wo sie zum ersten Mal den Klerus aus der Nähe erlebt hat. Sie hatte eine ganz hehre Vorstellung von den Priestern, dass sie alle heiligmäßig und ganz besonders sein. Dann einen Monat lang mit ihnen zusammen auf der Pilgerreise nach Rom hat sie feststellen müssen, dass die geistlichen Herrn in ihrer hohen Würde doch auch schwache und gebrechliche Menschen blieben. Und so entschließt sie sich umso mehr, die Berufung des Karmel anzunehmen, für die Priester zu beten.

4. Aber was ist die Apostolatshaltung der Thérèse? Sie fasst es in ein Wort: „Jesus tut alles. Ich tue nichts“ (Brief 142). Freilich, dieses nichts, von dem sie hier spricht, ist kein passives. Noch einmal: Sie hat sehr wohl ein Tun im Auge: „Aimer Jésus et Le faire aimer“ – „Jesus lieben und machen, dass er geliebt wird“. Das erfordert, wie sie einmal ausführlich an ihre Schwester Céline schreibt, das Feuer der Liebe zu nähren, zu unterhalten: „O Céline! Wie leicht ist es, Jesus zu gefallen, sein Herz zu entzücken. Man braucht ihn nur zu lieben, ohne auf sich zu schauen, ohne allzu sehr seine eigenen Fehler zu untersuchen.“ – Das sagt die, die früher so von Skrupeln geplagt war. – „Mein Seelenführer ist Jesus. Er lehrt mich nicht, meine Tugendakte zu zählen“ – wie sie es gelernt hatte, dass man möglichst viele Tugendakte zählt. – „Er lehrt mich, alles aus Liebe zu tun, Ihm nichts zu verweigern, zufrieden zu sein, wenn er mir eine Gelegenheit gibt, ihm meine Liebe zu beweisen. Dies aber geschieht im Frieden, in der Hingabe [l’abondon].“ – „Jesus tut alles, und ich tue nichts.“ Aber eben dieses „nichts“ heißt für sie, das Feuer der Liebe zu unterhalten. Sie schreibt noch einmal an Céline, ihre Schwester: „Die hl. Teresa [von Ávila] sagt, man müsse die Liebe erhalten […] Jesus ist mächtig genug, das Feuer allein zu unterhalten, doch freut er sich wenn er sieht, dass auch wir etwas dazu beitragen.“ – Das kommt immer wieder: „Jesus Freude machen“. Manchmal sagt sie auch: „Jesus trösten“. – „Ich habe diese Erfahrung gemacht: Wenn ich nichts empfinde, wenn ich UNFÄHIG bin zu beten, die Tugend zu üben, dann ist es an der Zeit, kleine Gelegenheiten zu suchen, Nichtigkeiten, die Jesus Freude bereiten, mehr Freude als die Herrschaft über die Welt oder sogar mehr als das großmütig erlittene Martyrium, beispielsweise ein Lächeln, ein liebes Wort, wenn ich nichts sagen oder ein verdrießliches Gesicht machen möchte usw. usw ... Verstehst Du, meine geliebte Céline? Es geschieht nicht, um mir einen Kranz, um mir Verdienste zu erwerben, sondern um Jesus zu erfreuen ... Bieten sich mir keine Gelegenheiten, dann will ich Ihm wenigstens oft sagen, dass ich ihn liebe […] O nein! Ich bin nicht immer treu, doch ich verliere nie den Mut. Ich überlasse mich ganz den Armen Jesu“ (Brief 143, S. 204).

Ganz am Schluss der Autobiographischen Schriften, der „Geschichte einer Seele“, sagt sie dieses unglaubliche Wort: „Statt mit dem Pharisäer vorzutreten, wiederhole ich voll Vertrauen das demütige Gebet des Zöllners; vor allem aber ahme ich das Verhalten Magdalenas nach, ihre erstaunliche oder vielmehr ihre liebende Kühnheit, die das Herz Jesu entzückt, reißt auch das meinige hin.“ – Dann sagt sie, es ist praktisch der Schluss ihrer Autobiographie: „Ja, ich fühle es, hätte ich auch alle begehbaren Sünden auf dem Gewissen, ich ginge hin, das Herz von Reue gebrochen, mich in die Arme Jesu zu werfen, denn ich weiß, wie sehr Er das verlorene Kind liebt, das zu ihm zurückkehrt“ (Selbstbiographische Schriften 275).

Brüder und Schwestern, dieses Vertrauen, dieses grenzenlose Vertrauen, und hätte ich die schlimmsten Sünden begangen, ich ginge zu Jesus und würde mich ihm in die Arme werfen, sagt Thérèse. Dieser kleine Weg ist ihre Mission. Diese Mission will sie allen Menschen bekannt machen.

III.
Sie glaubt, und damit kommen wir zum Schluss, dass diese Mission erst richtig beginnen wird, wenn sie aus diesem irdischen Leben scheidet. Am Ende ihres Lebens, in ihrer Krankheit hat sie sich sehr gesorgt darum, dass ihre Schriften, ihre drei Hefte, die sie über ihr Leben geschrieben hatte, nach ihrem Tod bekannt gemacht werden. Sie hat sich nicht getäuscht. Innerhalb eines Jahres ist dieses Buch in der ganzen Welt bekannt gewesen: „L’histoire d’une âme“ – „Die Geschichte einer Seele“. Das ist ihre Mission. Den beiden Priesterbrüdern, P. Roulland und Abbé Bellièr, hat sie ihre letzten missionarischen Intentionen, ihr missionarisches Herz anvertraut. Dem einen schreibt sie: „Die Entfernung“ – er ist als Missionar in China – „wird unsere Seelen nie trennen können. Sogar der Tod wird unsere Vereinigung noch inniger gestalten. Wenn ich bald in den Himmel komme, bitte ich Jesus um die Erlaubnis, Sie in Su-tchuen“ – in China, wo er Missionar ist – „zu besuchen, und wir werden unser Apostolat gemeinsam fortsetzen. Bis dahin bleibe ich Ihnen stets im Gebet vereint, und ich bitte unseren Herrn, er möge mir nie Freuden schenken, während Sie leiden. Ich möchte sogar, dass mein Bruder immer den Trost und ich die Prüfungen habe“ (Brief 193, S. 298).

Und im letzten Brief an P. Roulland, diesen Bruder und Freund in China, schreibt sie: „Wenn Sie diesen Brief erhalten, habe ich zweifellos die Erde verlassen. Der Herr wird mir in seiner unendlichen Barmherzigkeit sein Reich aufgetan haben, und ich kann aus seinen Schätzen schöpfen, um sie an die Seelen, die mir lieb sind, zu verschwenden.“ – Verschwenden, denn im Himmel gehören ihr alle Schätze Gottes, sagt sie ganz ungeniert, deshalb kann sie frei darüber verfügen und sie auf die Menschen verteilen. – „[…] Mein Bruder ich fühle es, im Himmel werde ich ihnen viel nützlicher sein als auf der Erde, und freudigen Herzens kündige ich Ihnen meinen bevorstehenden Eintritt in diese glückselige Stadt an in der Gewissheit, dass Sie meine Freude teilen und dem Herrn danken, dass er es mir ermöglicht, Ihnen in Ihrer apostolischen Arbeit wirksamer zu helfen. Ich rechne bestimmt damit, im Himmel nicht untätig zu bleiben. Mein Wunsch ist, weiter für die Kirche und die Seelen zu arbeiten. Ich bitte den lieben Gott darum, und ich bin sicher, dass Er mich erhören wird. Sind die Engel nicht immerfort um uns bemüht, ohne je aufzuhören, das göttliche Antlitz zu schauen […]? Warum sollte Jesus mir nicht erlauben, es ihnen gleich zu tun? […] Seit langem ist mir das Leiden zu meinem Himmel auf Erden geworden, und ich habe wirklich Mühe, mir vorzustellen, wie ich mich in einem Land akklimatisieren soll, wo die Freude ohne jede Mischung von Traurigkeit herrscht.“ – Sie kann sich nicht vorstellen, wie das im Himmel sein soll. Dann sagt sie: „[…] Was mich zur Himmlischen Heimat zieht, ist der Ruf des Herrn, ist die Hoffnung, ihn endlich zu lieben, wie ich es so sehr gewünscht hatte und“ – das ist jetzt Mission – „der Gedanke, dass ich eine große Zahl von Seelen ihn lieben lehren darf, die ihn ewig preisen werden“ (Brief 254, S. 370-371).

Wir schließen mit einem Wort, das fast aus derselben Zeit stammt, aus den letzten Worten, die Thérèse gesagt hat, die die Schwestern aufgeschrieben haben. Sie sagt am 17. Juli, zweieinhalb Monate vor ihrem Tod: „Ich spüre, dass meine Mission beginnen wird, meine Mission, den lieben Gott lieben zu machen, wie ich ihn liebe, meinen kleinen Weg den Seelen zu geben. Wenn mein Verlangen erhört sein wird, dann wird mein Himmel sich auf Erden abspielen bis zum Ende der Welt. Ja, ich möchte meinen Himmel auf Erden verbringen, um Gutes zu tun. Das ist nicht unmöglich, denn auch in der seligen Gottesschau wachen die Engel über uns. Nein, ich kann im Himmel keine Ruhe nehmen bis zum Ende der Welt, so lange es Seelen zu retten gibt. Aber wenn dann der Engel sagt: Die Zeit ist zu Ende!, dann und erst dann werde ich mich ausruhen, um zu genießen, denn dann erst wird die Zahl der Erwählten vollständig sein und alle werden in die Freude und in die Ruhe Gottes eingegangen sein. Mein Herz jubelt bei diesem Gedanken“ (Novissima Verba 81-82).

 

 



 

 

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